„Kochbücher werden vor allem von Frauen gelesen.“

Mit dieser und ähnlichen Stigmatisierungen musste ich mich heute herumschlagen. Puh, was für eine Stunde… aber von vorne.

Nichtsahnend, was heute auf mich zukommen würde, fuhr ich noch etwas verschlafen in die Schule. Auf dem Stundenplan stand zunächst Deutsch. Die Rückgabe der Tests lief super und auch die Organisation für den Tag der offenen Tür schritt zügig voran, sodass bald mit dem Stoff begonnen werden konnte.
Doch dann nahm das Übel seinen Lauf. Eigentlich sollte es uns heute darum gehen, den Wert des Tagebuchs der Anne Frank zu erkennen und uns zu überlegen, warum es auch heute noch so viel rezipiert wird. Dass die Schüler dabei aber immer wieder durch seltsame Äußerungen vollkommen vom Thema ablenken, damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Es war teilweise erschreckend, wie eingeschränkt und stigmatisierend einige Schüler denken. Hier mal eine kleine Auswahl der Sätze, die fielen:

„Anne Franks Leben war doch viel spannender als unseres heute. Worüber können wir schon schreiben?“ (Ist bestimmt superspannend, den ganzen Tag in einem Haus versteckt zu Leben und Angst um das eigene und das Leben der Familie zu haben…)

„Die derzeitige Situation in Afghanistan ist doch etwas ganz Anderes. Da haben die Menschen Angst, dass jederzeit vor ihrer Haustür eine Bombe einschlagen könnte, das war bei Anne Frank nicht so.“ (Ohne Kommentar, doch der Schüler hat ihn bekommen.)

„Die Lesegewohnheiten können doch in Gruppen eingeteilt werden: Kochbücher werden vor allem von Frauen gelesen, das Tagebuch der Anne Frank und solche Bücher von Kindern und Erwachsene informieren sich an verschiedenen Stellen im Internet.“ (Logisch… so einfach ist unsere Gesellschaft. Und natürlich reflektieren auch alle Erwachsene über das Gelesene und bilden sich eine eigene Meinung… schön wär’s.)

Im Nachhinein weiß ich natürlich, dass ich die Diskussion viel öfter und schneller hätte unterbinden müssen, damit die Schüler erst gar nicht auf die Idee kommen, solche provozierenden und undurchdachten Äußerungen zu tätigen. In der Unterrichtssituation war ich aber einfach nur perplex, wie die Schüler denken und konnte gar nicht richtig reagieren. Natürlich habe ich an der einen oder anderen Stelle eingegriffen und gesagt, dass solche Gedankengänge unmöglich sind und habe etwas erzieherisch gewirkt, aber insgesamt hätte ich viel stärker eingreifen müssen.
Erfahrungswert – nächstes Mal wird es hoffentlich besser.

Nun gut, nachdem wir das Thema abgeschlossen  und ein Neues begonnen hatten, lief es auch besser und ich konnte auch besser erzieherisch tätig werden. Es geht jetzt nämlich um Kommunikation und auch um soziale Netzwerke. Ein Schüler verkündete mir dann fröhlich: „Bei Facebook können alle sehen, was ich schreibe.“
Ich hakte vorsichtshalber noch einmal nach: „Wirklich alle?“
„Ja.“, sagte er noch immer ein wenig stolz.
„Dann würde ich an deiner Stelle noch einmal an meinen Sicherheitseinstellungen arbeiten. Stell dir mal vor, ich finde dich zufällig bei Facebook und kann alles lesen, was du schreibst. Willst du das wirklich?“
Ein anderer Schüler schreitet ein: „Suchen Sie uns dort etwa?“
„Lieber Schüler X, ich glaube, ich habe Besseres zu tun, als euch bei Facebook zu suchen. Es war nur ein Beispiel, um euch das Ausmaß klar zu machen.“
„Und wenn Sie uns dann eine Freundschaftseinladung schicken und wir sie annehmen?“
„Sei dir ganz sicher, ich schicke euch keine Einladung!“ – Diskussion beendet.
Oh man… manchmal frage ich mich echt, was in den Köfpen vorgeht. Ich hoffe aber, dass sie sich das zu Herzen nehmen und das ändern. Aber ich werde es eh noch einmal betonen, wenn wir über soziale Netzwerke reden.

Englisch lief dann aber im Gegensatz dazu musterhaft. Die Auswertung der Stationsarbeit war super – die Ergebnisse stimmten und die Schüler merkten kritisch an, dass sie noch zu laut und unkonzentriert waren, sodass sie nicht alles geschafft haben. Gute Schüler habe ich! 😉
Und sogar meine Mentorin merkte an, dass es wohl doch gar nicht sooo schlecht war und mit etwas Übung vielleicht klappt. (Aber selbst traut sie sich das sicher trotzdem nicht zu, denke ich. Oder will es auch gar nicht probieren.)

Zumindest hatte ich mir dann sogar eine Umarmung als Glückwünschen für meinen heutigen Schulrechtstest verdient. Dieser lief auch ganz gut, obwohl einige Fragen tricky waren und ich nicht sicher bin, ob ich das alles richtig beantwortet habe. Man wird sehen.

Und nun widme ich mich ganz entspannend der heilen Welt von Disney. Das habe ich mir doch verdient, oder?

Stationsarbeit adé?

„Frau Zappelbein, Frau Zappelbein, warten Sie mal einen Moment. Ich habe jetzt ihre siebte Klasse in Englisch in Vertretung und wollt Ihnen nur sagen, dass ich was zur Fragebildung mache.“, sagt eine Kollegin heute  vor der ersten Stunde zu mir.
Noch leicht verschlafen und verwirrt stehe ich vor ihr und in meinem Hirn rattert es so laut, dass sie das bestimmt hören muss.
„Äh, ja, ok… Sie können auch was zum Futur oder so machen, wegen der Klassenarbeit nächste Woche.“, sage ich. Dabei denke ich: „Puh, ist dir doch schnell etwas eingefallen, hoffentlich hat sie deine langen Denkprozesse nicht bemerkt.
„Nee nee, ich hab das jetzt schon vorbereitet, ich mach das so.“ „Na gut, das schadet ja nie, machen Sie das.“
Lächelnd und ermunternd verabschieden wir uns.

Doch so schnell dieses Lächeln auf meine Lippen gezaubert wurde, weil ich mich als vollwertige Lehrkraft akzeptiert fühle, schwindet es auch wieder. Der Grund: Mein Beobachtungsschwerpunkt „Rückmeldung an die Schüler“ war wohl doch nicht der Richtige.
Zwei Mädchen aus der 6 halten einen Vortrag zu Los Angeles. Informationsgehalt = 0. Grammatik: Reden wir lieber nicht darüber.
Entsprechend die Reaktion meiner Mentorin: Sauer, ungehalten, schreiend, enttäuscht. Bis zu einem gewissen Grade verständlich, aber es sind Sätze bei der Auswertung gefallen, bei denen ich dachte, ich höre nicht richtig. Wiedergeben möchte ich sie an dieser Stelle nicht, aber so viel sei gesagt: Wenn ich Schülerin gewesen wäre, wäre ich wohl weinend aus dem Unterricht gelaufen und hätte keinerlei Glauben mehr an mich selbst geschweige denn Motivation und Mut, noch einmal in den Unterricht zurückzukehren. Zum Glück sind die beiden Mädchen stärker und nehmen es mehr oder weniger gefasst. Respekt dafür! Überhaupt fiel mir erst heute auf, wie demotivierend ihre Rückmeldung an die Schüler ist, was für heftige Worte dort fallen.
Und hatte sie mich nicht mal ermahnt, ich müsse noch viel mehr loben? So etwas habe ich heute bei ihr gar nicht gehört. Mehr als „yes“ und „ok“ war nicht drin. Oder hab ich schon schlechte Ohren? Oder sie einen schlechten Tag? Man wird sehen.

Nach der Stunde treffe ich wieder meine Kollegin, die die Vertretung übernommen hatte. Und sofort muss ich bei ihren Schilderungen wieder lächeln. Sie haben sich also gut benommen und hatten wahnsinnigen Spaß. Das Arbeitsblatt habe ich auch gleich in die Hand gedrückt bekommen und bin begeistert. Das werde ich sicher auch mal einsetzen.
Meine Freude will ich natürlich teilen, doch meine Mentorin meint nur: „So etwas würde ich nie und nimmer machen. Das wird doch total unruhig, wenn die Schüler dann lachen.“ Aber sie hat wohl Recht, Spaß hat in der Schule nichts zu suchen und Kinderlachen ist eh absolut abscheulich…

Meine Freistunde nutze ich zum Kopieren und die halbe Hofpause zum Vorbereiten der Stationsarbeit. Schon beim Betreten haben die Schüler leuchtende Augen und freuen sich auf die anstehende Stunde. Ich fühle mich ermutigt. Das muss einfach gut werden!
Bei der Verkündung der Regeln und Erklärung des Ablaufes für heute ist es mucksmäuschenstill. Nach ein paar Rückfragen kann es dann auch losgehen.
Die Schüler machen sich eifrig an die Aufgaben und ich gehe herum und helfe. Ab und zu muss ich ermahnen, dass sie arbeiten und nicht spielen sollen, aber im Großen und Ganzen bin ich echt zufrieden, dass es für das 1. Mal so gut läuft. Da habe ich schon ganz Anderes erlebt.
Zwischendurch ermahnt mich meine Mentorin aber immer wieder:

1) „Die Schüler sprechen in den Gruppen teilweise Deutsch, da musst du mehr hinterher sein.“
„Aber das ist doch ein Stück weit normal, ich kann ja auch nicht überall sein und mehr machen, als immer wieder ermahnen.“
„Nee, das ist nicht normal, bei MIR machen die das nicht.“
Ich bin sprachlos, habe ich doch schon diese Pseudogruppenarbeit (wir setzen uns in Gruppen und bearbeiten die Aufgaben allein) erlebt und gehört, dass die Schüler auch bei ihr nur Deutsch sprechen.

2) „Sag mal, das ist mir hier viel zu chaotisch. Merkst du das nicht, wenn die Schüler Unsinn machen oder ignorierst du es mit Absicht?“
„Natürlich bekomme ich etwas mit und ermahne entsprechende Schüler auch, aber ich kann nicht überall gleichzeitig sein und habe auch nicht überall meine Augen. Es kann gut sein, dass ich etwas nicht mitbekomme.“
„Nee, das geht nicht, das KANN man gar nicht übersehen. Ich wär da schon längst hinterher.“
Tut mir leid, dass ich kein Übermensch bin und nicht alles mitbekomme… ich ruf mal bei Chuck Norris an und bitte ihn um Hilfe.

3) „Hier, die beiden Schüler machen nichts, warum sagst du da nichts?“
„Ich bin alle 5 Minuten bei denen und ermahne sie. Aber es sind auch noch mehr Schüler in der Klasse, um die ich mich kümmern muss.“
Antwort: Seufzen. Helfen kann sie aber nicht, nur kluge Tipps geben.

Nach der Stunde – fast alle Schüler haben das Aufgabenpensum geschafft – muss ich mir wieder anhören, dass die Stunde doof war und dass man das mit der Klasse nicht machen kann. Das sei aber keine Kritik an mir, sondern an der Methode. Ich erkläre ihr, dass ich das für den Anfang schon gut fand und dass solche Methoden eben geübt werden müssen. Sie glaube nicht, dass es besser wird und ich muss das doch auch wissen, weil ich doch meine MA darüber geschrieben habe. Dass ich das selbst schon erlebt habe, dass es von Mal zu Mal besser wird, möchte sie nicht hören. Stationenlernen ist doof, findet sie. Ich bin noch immer der Meinung, dass es als Abwechslung mal ganz gut ist, weil die Selbstständigkeit und Selbstorganisation der Schüler sowie eine Menge sozialer Kompetenzen gefördert werden. Naja, Diskussion zwecklos, keiner hat den anderen verstanden und so gingen wir auch auseinander. Nicht im Streit, aber eben mit unterschiedlichen Ansichten.

Bevor sie aber den Raum verließ, sagte sie noch: „Und morgen nimmst du mal einen von den schlechten Schülern dran und führst den so richtig vor, blamierst ihn mal richtig.“
WAS? Habe ich gerade richtig gehört? Was soll ich tun? Und vor allem warum? Welchen pädagogischen Zweck hat das, außer dass man sich daran ergötzen könnte, so als gehässiges Wesen (was ich nicht bin und nicht machen würde)?

Auf der Heimfahrt dachte über den Tag nach, über ihren Umgang mit Schülern. Dass Schüler „Schwachmaten“ seien, damit habe ich mich ja „abgefunden“, aber das? Da blieb mir nur noch eines: Kopfschütteln.

Wo sind sie hin?

Völlig ahnungslos und unschuldig liege ich da, in meinem Bettchen… bis ER Terror macht: Mein Wecker. Anfangs denkt man noch, dass alles gut ist. Einfach auf Snooze drücken und schon gibt das Ding Ruhe und man kann weiterschlafen. Doch schon 5 Minuten später klingelt er erbarmungslos weiter… mähhh, muss ich wirklich aufstehen? Sind nicht noch Ferien? Das war doch noch gar keine Woche, jemand hat mich betrogen! Aber es hilft alles nichts, alle 5 Minuten dödeln mir Mando Diao entgegen und schließlich pelle ich mich doch aus dem Bett. Eine heiße Dusche und leckeres Frühstück später fühle ich mich noch immer nicht besser. Zum Glück ist heute Berieselungstag im Seminar…

Dort angekommen sehe ich, dass auch meine Kollegen allesamt nicht allzu motiviert scheinen. Das Seminar stemmen wir trotzdem gemeinsam, zumal wir mit einem ganz bösen Thema gequält wurden: Jahresplanung. Und als schöne Hausaufgabe dürfen wir die zu Hause allein fertig stellen, weil man das im Seminar nicht schaffen kann. Super! Ich freue mich, dass ich eine weitere Aufgabe zu meiner langen To-do-Liste hinzufügen kann. Wär ja sonst auch langweilig, dieses Leben als Referendar. Zum Schulrechtstest und den üblichen Stundenvorbereitungen für diese Woche kommt zum Glück auch noch die Vorbereitung auf den Tag der offenen Tür, wo meine lieben Schülerchen und ich eine Vorleseaktion starten, sowie das Kümmern um eine Sequenz und Hospitationen in der Sek II in Englisch, weil das die Prüfungsverordnung so vorgibt. Damit wären auch die Pausen verbraten – am Ende kommt noch Langeweile auf. Ich hab schon echt Glück diese Woche. Und falls es doch mal dazu kommen sollte, dass ich Zeit übrig habe, kann ich meine heute frisch eingetroffenen Disney-DVDs anschauen – man wird dafür doch nie zu alt, oder? 😀

Zu Hause angekommen saß ich dann auch erstmal über anderthalb Stunden vor meinem Rechner und tat nichts. Naja, Facebook hier, Forum da… das Übliche. Aber in meiner Stundenplanung in Englisch kam ich nicht so voran. Dilemma: Mentorin, die sonst so konservativ eingestellt ist und mal hü und mal hopp sagt, bat mich vor den Ferien darum, doch mal eine Stationsarbeit zum Wiederholen für die Klassenarbeit zu machen. Sie hätte das noch nie gemacht und möchte das gern mal sehen. Ich, die schon Masterarbeit darüber geschrieben hat und die Klasse kennt (die nicht mal Gruppenarbeit gut durchführen konnte, weil sie es nicht gewohnt ist), bin mir unsicher, ob das wirklich gut ist und ob ich mir das Gemeckere danach wirklich antun möchte, weil sie anscheinend nicht so recht weiß, wie das abläuft. Aber gut, irgendwie modele ich mir das zurecht, Frau Mentorin ruft auch nochmal an und bestärkt mich, dass sie das unbedingt sehen will (auch noch, als ich ihr verdeutliche, dass das pure Schülereigenaktivität ist). Nun habe ich eine hoffentlich funktionierende Stationenarbeit, die die Schüler nicht ganz frei laufen lässt, damit auch am Ende der Stunde etwas zustandegekommen ist. Ich bin ja echt mal gespannt, wie das morgen funktioniert…

Und die Freistunde kann ich gleich zum vielen Kopieren nutzen, pure Freude! 🙂