Potenzierte Hilflosigkeit – Part III

Die Odyssey nimmt kein Ende – zum Leidwesen aller. Die Klagen der Lehrer über die Klasse werden immer häufiger und der Klassenlehrer hat seine Kur (mal wieder) um eine Woche verlängert. Es ist echt zum Haareraufen. Seit Ostern macht er das nun schon, jetzt ist schon fast wieder Pfingsten… Dabei bräuchte seine Klasse echt mal wieder den Halt durch den Klassenlehrer. Die Stellvertreterin kümmert sich ja auch nicht wirklich um das Problem, was vor allem auch an der Teilzeitarbeit und der geringen Anwesenheit liegt.

Heute wurde es mir dann zu viel, sodass ich mich  mal zu dem Problem vor der Klasse äußerte.
Alles fing heute ruhig an – wir schrieben einen Vokabeltest, weil wir die Vokabeln die letzte Woche auch hoch und runter geübt haben und sie eigentlich sitzen müssten. Netterweise sammelte ich auch nur ein paar Tests ein – freiwillig wollte jedoch keiner abgeben.
Anschließend hatte ich mir eine nette Hörübung ausgesucht. Da morgen Feiertag ist, wollte ich die Stunde etwas auflockern. Und was passiert? Die Schüler waren heute unruhig ohne Ende. Die üblichen Verdächtigen haben wieder nur gestritten und gezankt und somit Unruhe in die gesamte Klasse gebracht. Selbst die vielen Ermahnungen und das Lauter-Werden halfen nichts. Letztes Mittel: Ich drohe den Schülern an, alle Tests einzusammeln, wenn es so weitergeht. Nach 3 Verwarnungen bzw. gelben Karten musste ich das dann leider auch in die Tat umsetzen, was mir sehr leid tat. Der Test war anscheinend ziemlich schwierig für die Schüler, obwohl wir letzte Woche so viel darüber gesprochen hatten und es auch Hausaufgabe war, die Vokabeln zu lernen.

Da es sich nicht gelohnt hätte, noch eine neue Übung anzufangen – erst recht nicht bei der Unruhe – nutzte ich die letzten 7-10 Minuten für eine „Standpauke“. Dabei sprach ich auch einige Schüler direkt an, z.B. T. wegen des Bauch-Pieksens. Ich sagte ihm direkt, dass er sich nicht wundern müsse, dass sich seine Mitschüler wehren, wenn er vermehrt in den Bauch piekst und weiß, dass diese das nicht wollen. Spätestens nach der 1. Eskalation hätte es klar sein müssen. Ich sprach aber auch die anderen Schüler an, dass so eine Reaktion ebenso unangebracht ist wie T.s Verhalten.
Es war mucksmäuschenstill während ich diese Worte alle aussprach – und die Schüler schauten wahrlich betroffen. Ich erzählte ihnen auch, dass ich weiß, dass es nicht nur in Englisch solche Probleme gibt, sondern sich das durch alle Fächer durchzieht und es so einfach nicht weitergehen könne. Aufgabe für die Schüler: morgen mal in Ruhe darüber nachdenken und ihr Verhalten reflektieren.

Bedröppelt verließen alle den Raum, auch die Lehrkraft. Eine Schülerin sprach mich noch an und fragte ängstlich, ob ich alle Tests bewerten werde. Tja, das weiß ich selbst nicht. Was würdet ihr in der Situation tun?

Potenzierte Hilflosigkeit – Part II

Ich wünschte, ich könnte euch heute Besseres darüber berichten, wie der Fall vom Freitag mit dem weinenden Schüler (T.)ausgegangen ist. Leider ist „der Fall“ noch lange nicht abgeschlossen…

Meine Mentorin hatte am Montag wie versprochen mit der Klasse gesprochen. Zusätzlich sollten die 3 beteiligten Schüler (T., F. und R.) aufschreiben, was aus ihrer Sicht passiert war. Damit sollten sie einerseits ihr Verhalten in der Situation reflektieren, andererseits hilft es uns auch, uns ein objektiveres Bild zu machen. Das haben sie alle 3 auch gemacht und abgegeben – die Versionen gleichen sich relativ. Dabei ist T. aber auch ein Stück weit selbst Schuld, dass F. ihn gehauen hat, da er angefangen hatte, F. in den Bauch zu pieken. Was davor passiert war, ist unklar, da sich die Schüler widersprechen.

Was haben das Gespräch und diese Maßnahme genützt? Nichts!
Gestern ging es weiter. T. und F. sitzen im Englischunterricht hintereinander, was eigentlich kein Problem darstellen sollte, wenn die Schüler nach vorn blicken. Das machen sie aber natürlich nicht die ganze Zeit. Gestern drehte sich also F. leicht um und T. schrie gleich (im Unterricht!): „Ey, was guckst du denn so blöd, du A****loch?“
Ich habe natürlich sofort interveniert, aber auch gleichzeitig mitbekommen, dass T. keinesfalls Opfer ist, sondern auch selbst an den Situationen Schuld ist.
Heute hat sich das in der vollen Blüte gezeigt. Zufällig hatte meine Deutschmentorin heute früh in der Klasse Vertretung und berichtete mir gleich in der Pause vom Geschehen. Ein anderer Klassenkamerad (M.) wurde heute von T. in der Pause (aus Spaß?) permanent in den Bauch gepiekt. Dabei könnte man meinen, dass T. aus der Situation von Freitag gelernt hat und weiß, dass sich das seine Mitschüler nicht gefallen lassen… (Und mir erschließt sich auch nicht, was man davon hat.) Zumindest hat sich M. nach mehreren verbalen Reaktionen dann auch körperlich zur Wehr gesetzt, indem er T. wegschubste. Dieser knallte unglücklicherweise mit dem Kopf gegen den Türrahmen und bekam eine dicke Beule. Im Laufe des Tages ging er wegen Kopfschmerzen und Übelkeit auch nach Hause, weswegen ich ihn nicht antraf.

Auch die Mutter wurde heute darüber in Kenntnis gesetzt. Sie kam sofort in die Schule, wo sie zufällig auf meine Englischmentorin traf. Es sollte sowieso zeitnah ein Gespräch mit der Mutter erfolgen, da in der Klassenkonferenz beschlossen wurde, dass T. doch freiwillig wiederholen soll (er hat nicht nur äußerst schlechte Noten, sondern ist er auch geistig und sozial hinter seinen Mitschülern hinterher – er ist einfach noch viel kindlicher; außerdem hat er Freunde in den 6. Klassen). Dieses Gespräch fand dann spontan heute (leider ohne mich, aber mit dem Schulleiter) statt. Die Mutter reagierte wohl relativ gelassen, doch hatte sie ein großes Bedenken: Was passiert, wenn es meinem Kind in der neuen Klasse genauso ergeht, wenn es wieder gemobbt wird?
Darüber können wir natürlich nichts sagen, weil wir davon auch gar nicht ausgehen wollen, aber beruhigen ließ sie sich auch nicht. Ich finde, dass das auch eine Menge über T. aussagt, oder?

Tja, und was ziehe ich daraus für meinen Unterricht? Ich werde auf jeden Fall T. und F. nicht mehr hintereinander sitzen lassen, sondern T. wegsetzen, sobald er wieder da ist. Und ich werde weiterhin gruppenbildende Maßnahmen ergreifen. Am meisten hoffe ich aber, dass der Klassenlehrer endlich wieder aus seinem monatelangen Krankenstatus wiederkommt und noch weitere Gespräche führt – der hat nämlich einen großen Einfluss auf die Klasse und eine sehr gute Beziehung zu ihr. Nächste Woche soll es wohl endlich so weit sein!

To be continued…