Potenzierte Hilflosigkeit – Part II

Ich wünschte, ich könnte euch heute Besseres darüber berichten, wie der Fall vom Freitag mit dem weinenden Schüler (T.)ausgegangen ist. Leider ist „der Fall“ noch lange nicht abgeschlossen…

Meine Mentorin hatte am Montag wie versprochen mit der Klasse gesprochen. Zusätzlich sollten die 3 beteiligten Schüler (T., F. und R.) aufschreiben, was aus ihrer Sicht passiert war. Damit sollten sie einerseits ihr Verhalten in der Situation reflektieren, andererseits hilft es uns auch, uns ein objektiveres Bild zu machen. Das haben sie alle 3 auch gemacht und abgegeben – die Versionen gleichen sich relativ. Dabei ist T. aber auch ein Stück weit selbst Schuld, dass F. ihn gehauen hat, da er angefangen hatte, F. in den Bauch zu pieken. Was davor passiert war, ist unklar, da sich die Schüler widersprechen.

Was haben das Gespräch und diese Maßnahme genützt? Nichts!
Gestern ging es weiter. T. und F. sitzen im Englischunterricht hintereinander, was eigentlich kein Problem darstellen sollte, wenn die Schüler nach vorn blicken. Das machen sie aber natürlich nicht die ganze Zeit. Gestern drehte sich also F. leicht um und T. schrie gleich (im Unterricht!): „Ey, was guckst du denn so blöd, du A****loch?“
Ich habe natürlich sofort interveniert, aber auch gleichzeitig mitbekommen, dass T. keinesfalls Opfer ist, sondern auch selbst an den Situationen Schuld ist.
Heute hat sich das in der vollen Blüte gezeigt. Zufällig hatte meine Deutschmentorin heute früh in der Klasse Vertretung und berichtete mir gleich in der Pause vom Geschehen. Ein anderer Klassenkamerad (M.) wurde heute von T. in der Pause (aus Spaß?) permanent in den Bauch gepiekt. Dabei könnte man meinen, dass T. aus der Situation von Freitag gelernt hat und weiß, dass sich das seine Mitschüler nicht gefallen lassen… (Und mir erschließt sich auch nicht, was man davon hat.) Zumindest hat sich M. nach mehreren verbalen Reaktionen dann auch körperlich zur Wehr gesetzt, indem er T. wegschubste. Dieser knallte unglücklicherweise mit dem Kopf gegen den Türrahmen und bekam eine dicke Beule. Im Laufe des Tages ging er wegen Kopfschmerzen und Übelkeit auch nach Hause, weswegen ich ihn nicht antraf.

Auch die Mutter wurde heute darüber in Kenntnis gesetzt. Sie kam sofort in die Schule, wo sie zufällig auf meine Englischmentorin traf. Es sollte sowieso zeitnah ein Gespräch mit der Mutter erfolgen, da in der Klassenkonferenz beschlossen wurde, dass T. doch freiwillig wiederholen soll (er hat nicht nur äußerst schlechte Noten, sondern ist er auch geistig und sozial hinter seinen Mitschülern hinterher – er ist einfach noch viel kindlicher; außerdem hat er Freunde in den 6. Klassen). Dieses Gespräch fand dann spontan heute (leider ohne mich, aber mit dem Schulleiter) statt. Die Mutter reagierte wohl relativ gelassen, doch hatte sie ein großes Bedenken: Was passiert, wenn es meinem Kind in der neuen Klasse genauso ergeht, wenn es wieder gemobbt wird?
Darüber können wir natürlich nichts sagen, weil wir davon auch gar nicht ausgehen wollen, aber beruhigen ließ sie sich auch nicht. Ich finde, dass das auch eine Menge über T. aussagt, oder?

Tja, und was ziehe ich daraus für meinen Unterricht? Ich werde auf jeden Fall T. und F. nicht mehr hintereinander sitzen lassen, sondern T. wegsetzen, sobald er wieder da ist. Und ich werde weiterhin gruppenbildende Maßnahmen ergreifen. Am meisten hoffe ich aber, dass der Klassenlehrer endlich wieder aus seinem monatelangen Krankenstatus wiederkommt und noch weitere Gespräche führt – der hat nämlich einen großen Einfluss auf die Klasse und eine sehr gute Beziehung zu ihr. Nächste Woche soll es wohl endlich so weit sein!

To be continued…

Kindergarten adé?

Naja, leider noch nicht ganz, aber ich habe heute einen kleinen Schritt zum Ziel getan.

Nachdem meine 7. Klasse in Englisch gestern so unausstehlich war und nullkommanull Sozialkompetenz gezeigt hat, wurden heute mal ganz andere Register gezogen. Da kam mir die spontan aufgedrückte Vertretungsstunde in dieser Klasse gerade recht.
In der ersten Stunde habe ich den normal geplanten Unterricht durchgeführt, doch war ich mal wieder etwas strenger zu den Schülern. Hausaufgaben vergessen? Diesmal gab es einen Eintrag für die Eltern ins Hausaufgabenheft. Morgen möchte ich die unterschrieben sehen. Und auch in der Zusammenarbeit mit anderen Schülern bzw. im Sitzplan gab es heute kein Pardon. Ich musste zwar mal wieder Gespräche führen, die ich eher in unteren Jahrgangsstufen erwarten würde („Ihr müsst lernen, miteinander zu arbeiten, auch wenn ihr auch persönlich nicht sonderlich mögt. Solche Situationen werden auch im Leben immer wieder begegnen. Jetzt redet miteinander, arbeitet gemeinschaftlich an der Aufgabe und seid lieb zueinander.“ usw.), aber ich denke, dass das insgesamt geholfen hat.
In der zweiten Stunde gab es dann als „Strafe“ für das Verhalten einen Test (den ich spätestens morgen eh geschrieben hätte), damit sie noch mal merken, dass man auch bei der lieben Frau Zappelbein nicht alles machen kann und darf. Und für den Rest der Stunde hatte ich mir noch ein kleines Projekt ausgedacht, bei dem die Schüler sich 1. noch einmal intensiv mit dem Stoff auseinandersetzen und 2. lernen, zusammen zu arbeiten. (Wir haben ein kleines Theaterstück auf Englisch gelesen, das nun von 2 Gruppen inszeniert werden soll und von 2 anderen Gruppen soll dafür ein Programmheft erstellt werden.)
Natürlich habe ich auch neben klaren Aufgaben auch noch einmal ganz klare Regeln für die Projektarbeit in Gruppen aufgestellt:

  1. Arbeitet ruhig und konzentriert!
  2. Arbeitet zusammen in einer Gruppe! Schließt keinen aus, alle beteiligen sich am Projekt!
  3. Seid nett und fair zueinander!

Das sind zwar alles total selbstverständliche Regeln, aber in der Klasse muss man das trotzdem immer wieder erwähnen. Als ich dann meinte, dass ich damit auch die Sozialkompetenz in der Klasse und die Klassengemeinschaft verbessern möchte, schauten die Schüler nur leicht beschämt auf den Tisch. 1:0 für Frau Zappelbein. Wäre ja gelacht, wenn wir das nicht gemeinsam bis zum Ende des Schuljahres hinbekommen. 🙂