Digitale Demenz

Heute bin ich über ein durchaus interessantes Buch und zahlreiche kontroverse Diskussionen darüber gestoßen: Digitale Demenz von Manfred Spitzer. Manche von euch mögen von diesem im Jahr 2012 erschienenen Buch schon gehört oder gelesen haben, die anderen werden das wohl jetzt erstmals tun.

Ganz einfach formuliert behauptet Spitzer, dass gerade die jüngere Generation zunehmend durch die Nutzung neuer Medien verdumme. Dass dieses Phänomen tatsächlich existiert, beweist Spitzer mit Google-Ergebnissen – sehr vertrauenswürdig… Dass dies natürlich keine wissenschaftliche Referenz ist, sollte jedem klar sein. Alle anderen können gern mal nach „schwachsinnigen“ Dingen wie Mit geschlossenen Augen lesen oder Schwimmen ohne nass zu werden suchen – ihr werdet erstaunt sein, wie viele Millionen Ergebnisse sich finden lassen.

Spitzer stellt die Verdummung außerdem anhand einiger Beispiele fest, z.B. dass sich die Menschen immer weniger Geburtstage, Telefonnummern o.ä. merken können. Ob es allerdings wirklich dumm ist, wenn man sich keine überflüssigen Informationen mehr merkt? Abgesehen davon, dass zumindest ich noch immer die wichtigsten Geburtstage und Telefonnummern in meinem Gedächtnis gespeichert habe… Doch wieso sollte ich mir alle Geburtstage und Telefonnummern meiner Freunde, Verwandten und Bekannten merken, wenn ich sie nun in meinem Smartphone oder sonstwo gespeichert habe? Und wieso war das Aufschreiben in einem Notizbuch/ Adressbuch, das ich vor wenigen Jahren noch häufig nutzte, nicht so verpöhnt?

Spitzer behauptet aber auch, dass sich die Menschen durch die neuen Medien sowieso kaum noch Informationen merken können. Das werde dadurch deutlich, dass man immer im Hinterkopf hätte, dass man den Begriff jederzeit wieder googlen könne. Hm, früher konnte man beliebig oft im Lexikon nachschlagen, es dauerte nur eben länger und deswegen tat man es seltener…
Ich möchte ja nicht dementieren, dass wir uns tatsächlich weniger Dinge merken, weil wir einfach viel schneller Zugriff auf die Informationen haben und sie uns deswegen nicht unbedingt merken müssen. Hinzu kommt die große auf uns einprasselnde Informationsflut, die die neuen Medien mit sich bringen. Da ist doch ganz klar, dass wir uns nicht mehr alles merken können und viele Informationen schnell wieder vergessen bzw. ins Unterbewusstsein verschieben. Dennoch würde ich persönlich nicht behaupten, dass die Menschen dadurch zwangsläufig dumm bzw. dümmer geworden sind. Stattdessen haben wir uns zahlreiche neue Fähigkeiten angeeignet; wir haben uns also der Umwelt angepasst. Dass wir deswegen nicht mehr denken würden, halte ich persönlich für eine totale Übertreibung. Sicherlich mag es einige Exemplare geben, die wirklich nicht mehr denken und der Technik blind vertrauen, doch sind diese eindeutig in der Unterzahl. Ich kenne wirklich niemanden, der einem Navigationsgerät blind vertraut und nicht zwischendurch überprüft, ob die Angaben Sinn machen. Oder sind Sie schon einmal links abgebogen, obwohl das in dem Moment nicht ging?

Am schlimmsten finde ich allerdings den Vergleich mit der radioaktiven Strahlung – am Anfang sahen sie alle als gewinnbringende Innovation und dann zerstörte sie die ganze Welt. Können wir das wirklich gleichsetzen? Übertrieben!

Fazit: Digitale Demenz mag vielleicht in Ansätzen tatsächlich vorhanden sein, doch würde ich sie keinesfalls als negativ deklarieren, da neue Medien zahlreiche neue Fähigkeiten und Möglichkeiten hervorgebracht  haben. Ich halte noch immer daran fest, dass wir diese Möglichkeiten auch vermehrt in der Schule einsetzen sollten, auch wenn es natürlich niemals gänzlich ohne Schulbuch gehen wird (hoffe und denke ich). Wie immer macht es die Mischung.

Und wer sich persönlich mal in Spitzers Buch hereinlesen möchte: http://www.droemer-knaur.de/livebook/LP_978-3-426-27603-7/downloads/livebook.pdf
Plus eine Rezension, die ich durchaus spannend fand: http://www.alltagsforschung.de/rezension-digitale-demenz-von-manfred-spitzer/

 

PS: Übrigens, glaubt es nach Lesen dieses Eintrages oder lasst es: Ich bin ein Verfechter des Auswendiglernens von Gedichten/ Monologen aus Dramen – schließlich muss das Gedächtnis vielseitig gefordert werden.