Potenzierte Hilflosigkeit

Ich habe mich selten so hilflos wie am Freitag gefühlt. Ich musste das ganze Wochenende immer mal wieder über die Situation nachdenken und hoffe inständig, dass meine Mentorin heute noch mehr über die Situation in Erfahrung bringen konnte.

Freitag war der letzte Schultag unserer 12. Klassen und alles lief ganz normal – so normal, wie es an solchen Tagen eben läuft. Der Deutschraum war mit Bildzeitschriften tapeziert, auch der Boden wurde nicht zu knapp damit versehrt. An Unterricht ist wegen der hohen Lautstärke und der häufigen Störungen von Bonbonwerfern und Haar-Besprühern auch nicht zu denken – abgesehen von dem Zeitungsknistern, das mich fast verrückt gemacht hatte. Man durfte sich kein Stück bewegen oder musste mit den Geräuschen leben. Und das stellt euch jetzt mit 30 Personen in einem Raum vor. Angenehm ist etwas Anderes. 😉

Aber zurück zum Thema: Pünktlich im 9 Uhr gab es ein Buffett für die Lehrer, wo ich mit einer Kollegin über ihre am Freitag anstehende Prüfung und Gott und die Welt unterhielt. Danach schauten wir uns noch den Geschichtsraum an, in dem die Berliner Mauer künstlerisch wiedererrichtet wurde. Um 10 Uhr sollten wir dann in die Turnhalle, um uns das Programm anzusehen.
Während wir uns über die Mauer amüsierten, stürmte plötzlich ein 12.-Klässler in den Geschichtsraum:
„Was sollen wir machen, wenn sich ein Schüler wehrt, mit in die Turnhalle zu kommen?“
Wir schauten uns entgeistert an. „Welche Klasse ist das denn?“
Noch entgeisterter schaute ich, als ich erfuhr, dass es meine Englischklasse ist. Oh nein, was mag da nur passiert sein? Hektisch stürmte ich in den Raum gegenüber und erblickte ganz hinten im Raum ein kleines Häufchen Elend, das erbitterlich weinte und schluchzte. Als ich es anfasste, war es ganz heiß und verschwitzt vom Weinen.
„Was ist denn passiert?“ Keine Antwort.
„Hat dich jemand gehauen oder beleidigt?“ Keine Antwort.
„Beruhige dich doch und erzähl mir, was passiert ist!“ Keine Reaktion.
„Komm doch mit in die Turnhalle und lenk dich dort ab – das wird bestimmt lustig.“ Keine Reaktion.
„Wir können dich hier nicht allein im Raum lassen… Oder sollen wir dich einschließen?“ Keine Reaktion.
Egal, was ich versuchte, der kleine Bursche wollte nicht mit mir reden und er bewegte sich auch kein Stück weg. Ich war wirklich verzweifelt. Er weinte sich die Seele aus dem Leib und reagierte auf nichts. Er ließ sich auch gar nicht beruhigen. So hilflos habe ich mich noch nie gefühlt.
„Komm, Zappelbein, wir lassen ihn allein. Wenn er sich langweilt, kommt er schon von selbst nach.“, sagte ein Kollege zu mir.
Da ich eh nichts ausrichten konnte, ließ ich ihn dort allein sitzen und hoffte, dass er sich wirklich beruhigt und später nachkommt.

In der Turnhalle angekommen, suchte ich sofort seine Klassenkameraden auf und befragte eine sehr neutrale Schülerin und den vermuteten „Übeltäter“ zu den Geschehnissen. Und natürlich war mein Gespür richtig: Die Klasse hatte ihn gemobbt und mit Papier/ Pappe beworfen und darin eingewickelt und der von mir vermutete „Übeltäter“ hatte den Schüler auch gehauen – nachdem er selbst in den Bauch gehauen wurde. Wie alles anfing und warum er überhaupt so von den Schülern attackiert wurde, konnte mir keiner sagen…
Leider kam der Schüler auch nicht nach. 45 Minuten später war das Programm vorbei und ich ging wieder in den Raum, in dem wir den Schüler zurückgelassen hatten. Er saß noch immer unverändert in der Ecke und noch immer schien er keine Worte gefunden zu haben. Sein Kopf lag noch immer in den verschränkten Armen versteckt und auf meine Fragen ging er nicht ein. Ich bot ihm an, dass er jederzeit zu mir kommen könne, wenn er reden möchte und ließ ihn dann allein. Auf meinen hilflosen und verzweifelten Blick reagierend beruhigten mich meine Kollegen, dass man in so einer Situation nichts machen kann und ich schon das Bestmögliche getan hätte. Nun müsse man abwarten bzw. er die Dinge selbst mit der Klasse klären. Tja, und so unzufrieden startete ich in das Wochenende.
Nichtsdestotrotz bat ich meine Mentorin, das heute nochmal in der Klasse anzusprechen. Ich bin gespannt, was da los war und ob sie noch etwas herausgefunden hat. Meine Sorgen werden jedenfalls nicht kleiner… Zwar wusste ich, dass es in der Klasse keinen guten Zusammenhalt gibt, aber dass es SO ausarten kann, hätte ich auch nicht gedacht…

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2 Kommentare zu “Potenzierte Hilflosigkeit

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