Stationsarbeit adé?

„Frau Zappelbein, Frau Zappelbein, warten Sie mal einen Moment. Ich habe jetzt ihre siebte Klasse in Englisch in Vertretung und wollt Ihnen nur sagen, dass ich was zur Fragebildung mache.“, sagt eine Kollegin heute  vor der ersten Stunde zu mir.
Noch leicht verschlafen und verwirrt stehe ich vor ihr und in meinem Hirn rattert es so laut, dass sie das bestimmt hören muss.
„Äh, ja, ok… Sie können auch was zum Futur oder so machen, wegen der Klassenarbeit nächste Woche.“, sage ich. Dabei denke ich: „Puh, ist dir doch schnell etwas eingefallen, hoffentlich hat sie deine langen Denkprozesse nicht bemerkt.
„Nee nee, ich hab das jetzt schon vorbereitet, ich mach das so.“ „Na gut, das schadet ja nie, machen Sie das.“
Lächelnd und ermunternd verabschieden wir uns.

Doch so schnell dieses Lächeln auf meine Lippen gezaubert wurde, weil ich mich als vollwertige Lehrkraft akzeptiert fühle, schwindet es auch wieder. Der Grund: Mein Beobachtungsschwerpunkt „Rückmeldung an die Schüler“ war wohl doch nicht der Richtige.
Zwei Mädchen aus der 6 halten einen Vortrag zu Los Angeles. Informationsgehalt = 0. Grammatik: Reden wir lieber nicht darüber.
Entsprechend die Reaktion meiner Mentorin: Sauer, ungehalten, schreiend, enttäuscht. Bis zu einem gewissen Grade verständlich, aber es sind Sätze bei der Auswertung gefallen, bei denen ich dachte, ich höre nicht richtig. Wiedergeben möchte ich sie an dieser Stelle nicht, aber so viel sei gesagt: Wenn ich Schülerin gewesen wäre, wäre ich wohl weinend aus dem Unterricht gelaufen und hätte keinerlei Glauben mehr an mich selbst geschweige denn Motivation und Mut, noch einmal in den Unterricht zurückzukehren. Zum Glück sind die beiden Mädchen stärker und nehmen es mehr oder weniger gefasst. Respekt dafür! Überhaupt fiel mir erst heute auf, wie demotivierend ihre Rückmeldung an die Schüler ist, was für heftige Worte dort fallen.
Und hatte sie mich nicht mal ermahnt, ich müsse noch viel mehr loben? So etwas habe ich heute bei ihr gar nicht gehört. Mehr als „yes“ und „ok“ war nicht drin. Oder hab ich schon schlechte Ohren? Oder sie einen schlechten Tag? Man wird sehen.

Nach der Stunde treffe ich wieder meine Kollegin, die die Vertretung übernommen hatte. Und sofort muss ich bei ihren Schilderungen wieder lächeln. Sie haben sich also gut benommen und hatten wahnsinnigen Spaß. Das Arbeitsblatt habe ich auch gleich in die Hand gedrückt bekommen und bin begeistert. Das werde ich sicher auch mal einsetzen.
Meine Freude will ich natürlich teilen, doch meine Mentorin meint nur: „So etwas würde ich nie und nimmer machen. Das wird doch total unruhig, wenn die Schüler dann lachen.“ Aber sie hat wohl Recht, Spaß hat in der Schule nichts zu suchen und Kinderlachen ist eh absolut abscheulich…

Meine Freistunde nutze ich zum Kopieren und die halbe Hofpause zum Vorbereiten der Stationsarbeit. Schon beim Betreten haben die Schüler leuchtende Augen und freuen sich auf die anstehende Stunde. Ich fühle mich ermutigt. Das muss einfach gut werden!
Bei der Verkündung der Regeln und Erklärung des Ablaufes für heute ist es mucksmäuschenstill. Nach ein paar Rückfragen kann es dann auch losgehen.
Die Schüler machen sich eifrig an die Aufgaben und ich gehe herum und helfe. Ab und zu muss ich ermahnen, dass sie arbeiten und nicht spielen sollen, aber im Großen und Ganzen bin ich echt zufrieden, dass es für das 1. Mal so gut läuft. Da habe ich schon ganz Anderes erlebt.
Zwischendurch ermahnt mich meine Mentorin aber immer wieder:

1) „Die Schüler sprechen in den Gruppen teilweise Deutsch, da musst du mehr hinterher sein.“
„Aber das ist doch ein Stück weit normal, ich kann ja auch nicht überall sein und mehr machen, als immer wieder ermahnen.“
„Nee, das ist nicht normal, bei MIR machen die das nicht.“
Ich bin sprachlos, habe ich doch schon diese Pseudogruppenarbeit (wir setzen uns in Gruppen und bearbeiten die Aufgaben allein) erlebt und gehört, dass die Schüler auch bei ihr nur Deutsch sprechen.

2) „Sag mal, das ist mir hier viel zu chaotisch. Merkst du das nicht, wenn die Schüler Unsinn machen oder ignorierst du es mit Absicht?“
„Natürlich bekomme ich etwas mit und ermahne entsprechende Schüler auch, aber ich kann nicht überall gleichzeitig sein und habe auch nicht überall meine Augen. Es kann gut sein, dass ich etwas nicht mitbekomme.“
„Nee, das geht nicht, das KANN man gar nicht übersehen. Ich wär da schon längst hinterher.“
Tut mir leid, dass ich kein Übermensch bin und nicht alles mitbekomme… ich ruf mal bei Chuck Norris an und bitte ihn um Hilfe.

3) „Hier, die beiden Schüler machen nichts, warum sagst du da nichts?“
„Ich bin alle 5 Minuten bei denen und ermahne sie. Aber es sind auch noch mehr Schüler in der Klasse, um die ich mich kümmern muss.“
Antwort: Seufzen. Helfen kann sie aber nicht, nur kluge Tipps geben.

Nach der Stunde – fast alle Schüler haben das Aufgabenpensum geschafft – muss ich mir wieder anhören, dass die Stunde doof war und dass man das mit der Klasse nicht machen kann. Das sei aber keine Kritik an mir, sondern an der Methode. Ich erkläre ihr, dass ich das für den Anfang schon gut fand und dass solche Methoden eben geübt werden müssen. Sie glaube nicht, dass es besser wird und ich muss das doch auch wissen, weil ich doch meine MA darüber geschrieben habe. Dass ich das selbst schon erlebt habe, dass es von Mal zu Mal besser wird, möchte sie nicht hören. Stationenlernen ist doof, findet sie. Ich bin noch immer der Meinung, dass es als Abwechslung mal ganz gut ist, weil die Selbstständigkeit und Selbstorganisation der Schüler sowie eine Menge sozialer Kompetenzen gefördert werden. Naja, Diskussion zwecklos, keiner hat den anderen verstanden und so gingen wir auch auseinander. Nicht im Streit, aber eben mit unterschiedlichen Ansichten.

Bevor sie aber den Raum verließ, sagte sie noch: „Und morgen nimmst du mal einen von den schlechten Schülern dran und führst den so richtig vor, blamierst ihn mal richtig.“
WAS? Habe ich gerade richtig gehört? Was soll ich tun? Und vor allem warum? Welchen pädagogischen Zweck hat das, außer dass man sich daran ergötzen könnte, so als gehässiges Wesen (was ich nicht bin und nicht machen würde)?

Auf der Heimfahrt dachte über den Tag nach, über ihren Umgang mit Schülern. Dass Schüler „Schwachmaten“ seien, damit habe ich mich ja „abgefunden“, aber das? Da blieb mir nur noch eines: Kopfschütteln.

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4 Kommentare zu “Stationsarbeit adé?

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