Gewerkschaft – ja oder nein?

Eine der häufigsten Fragen, die ich letzte Woche hörte (neben Fragen nach der Krankenversicherung), war die Frage danach, ob ich denn in der GEW sei (scheint wohl DIE Gewerkschaft zu sein – viele wissen gar nicht, dass es auch andere gibt).
Während meines Studiums bin ich schon vielen Werbeveranstaltungen für die GEW begegnet und auch bei der Vereidigung letzten Montag rührten sie ordentlich die Werbetrommel. Die Vorteile liegen auf der Hand: Für nur 4€ pro Monat hat man nicht nur eine Rechtsversicherung, sondern auch eine Berufshaftpflichtversicherung inklusive der sehr wichtigen Schlüsselversicherung. Stellt euch einfach mal vor, ihr verliert den Schulschlüssel… das wird teuer!
Tja, mehr Vorteile als die Versicherungen sehe ich aber nicht wirklich… natürlich bekommt man aktuelle, bildungspolitische Informationen zum Lehrerberuf (die findet man aber auch in den gängigen Nachrichten(portalen)) und auch Beratung in kritischen Situationen (wo ich mich persönlich aber eher erstmal an Kollegen, Schulleiter oder meine Betreuer wenden würde, ggf. auch an die Eltern oder Schüler direkt, je nach Situation). Und ob ich jemals in die Bredouille komme, wo ich wirklich Rechtsbeistand von außen brauche, als Beamte?
Was aber ganz klar gegen die GEW spricht: Sie vertritt in manchen Grundsatzfragen bezüglich des Bildungswesens einfach nicht meine Auffassung. Was nützt mir eine Interessenvertretung, die meine Interessen nicht vertritt?

Am Wochenende habe ich meine liebenswürdige und kompetente Schwiegermama in spe dazu befragt, die schon seit 10 Jahren (oder so) verbeamtet ist und noch länger im Schuldienst tätig. Sie riet mir vom Beitritt zur GEW, aber auch zu anderen Gewerkschaften ab. Letztlich ist der Schulleiter immer der Dienstvorsitzende, der der Lehrperson Schutz bietet. Und die Versicherungen kann man, wenn man die Sicherheit wirklich haben will, auch noch zusätzlich privat abschließen. Auch das hielt sie aber nicht unbedingt für notwendig (das muss jedoch jeder selbst wissen, ich bin lieber versichert als dass was passiert).

Ich habe mich jetzt erst einmal für die Zeit des Referendariats gegen den Beitritt zur GEW oder einer anderen Gewerkschaft (z.B. Philologenverband oder Deutscher Lehrerverband) entschieden. Ich denke, in dieser Zeit hab ich viel Schutz und Hilfe von außen und kann bei Bedarf noch selbst Versicherungen abschließen. Was dann passiert, wenn ich wirklich „richtig“ verbeamtet werde, steht auf einem anderen Blatt. Zumindest hab ich schon oft gelesen, dass sich eine Diensthaftpflichtversicherung erst lohnt, wenn man auf Lebenszeit verbeamtet wird. Aber wie gesagt, das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden.

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6 Kommentare zu “Gewerkschaft – ja oder nein?

  1. hast du schon mal überlegt, dass eine gewerkschaft wichtig ist, weil sonst die Arbeitgeber machen, was sie wollen? Die personalräte z.b. werden von der gew aus- und fortgebildet. glaubst du, dass du jemals eine lohnerhöhung erhalten würdest, wenn es keine gewerkschaft gäbe? streng genommen verhandeln die gewerkschaften die lohnerhöhungen nur für ihre mitglieder, aber die nicht-mitglieder bekommen sie dann später auch. es geht nicht nur um die schlüsselversicherung und deinen perönlichen rechtsbeistand. 4 Euro im Monat – das sind zwei kaffee – das ist ja wohl nicht zu viel. in anderen ländern wären die menschen froh, wenn sie eine gewerkschaft hätten und hier denkt jeder nur an sich, oder wie? ich kann dir nur raten, noch mal drüber nachzudenken.
    und erkundige dich mal, was eine gewerkschaft so alles macht – sind auch immer sachen, die du nicht mitbekommst, aber davon profitierst.
    solidarische grüße
    frau freitag

    • Liebe Frau Freitag,
      vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Mit ist durchaus bewusst, dass Gewerkschaften ein sehr wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft sind und befürworte auch jeden einzelnen Streik, über den sich so manch einer schon grün und blau geärgert hat. Als Lehrer im Beamtenstatus darf man leider nur begrenzt für seine Rechte eintreten – umso besser, dass es auch für uns Gewerkschaften gibt, wenn auch in eher kleiner Zahl.
      Mir geht es auch keinesfalls um die 4 Euro, die hätte ich wohl gerade so noch übrig. 😉
      Dennoch möchte ich keine Gewerkschaft unterstützen, deren bildungspolitische Ansätze mir immer mehr widerstreben (auch wenn natürlich zahlreiche unterstützenswerte Aspekte durch die GEW angesprochen werden).
      Eh ich allerdings einer Gewerkschaft beitrete, muss ich erstmal eine finden, die mich wirklich in der Mehrheit ihrer Ansichten anspricht. Da ich dafür noch nicht die nötige Zeit und Muße hatte, habe ich mich vorerst gegen einen vorschnelle Beitritt entschieden – wie schon im Artikel angesprochen. Das ist aber keinesfalls eine Entscheidung auf Lebenszeit.
      Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre offenen Worte und hoffe, dass meine Leser diese auch in ihre Entscheidung für oder gegen eine Gewerkschaft einbeziehen. 🙂
      Beste Grüße vom Zappelbein

  2. Ich versuche mich auch gerade über das Thema schlau zu machen. Mich interessiert aber gerade die Zeit im Referendariat und danach als Angestellter vor der Verbeamtung. Wenn ich so höre wie sich hier angestellte Lehrer jede Sommerferien arbeitslos melden müssen und dann noch immer das Problem mit eine Stelle bekommen und mit dem ganzen Standorten etc. Denke da ist eine Rechtschutz und die Unterstützung einer Gewerkschaft doch sinnvoll. Später sehe ich das etwas anders im Beamtenverhältnis. Du schreibst, dass man ich zur Not selbst bei Bedarf versichern kann. Aber das Problem ist ja, dass man die Versicherung immer erst ein paar Monate haben muss bis diese greift. Stellt sich mir also die Frage, ob die Lösung eines Gewerkschaftseintritts von vornherein doch mehr Sinn macht. Gerade im Referendariat mit 4 Euro ist dies ja wohl auch um einiges günstiger als selbst eine Rechtsschutzversicherung abzuschließen.

  3. Es gibt keinen Grund für Sorgen oder Ängste als Lehrerin oder Lehrer. Ich bin über 25 Jahre im Dienst und behaupte deshalb, dass ich zumindest einen kleinen Überblick habe.
    Die Mitgliedsbeiträge, besonders der GEW, sind für Beamte sehr hoch – der Beitragssatz liegt für Beamte sogar fast 7 % über dem für Angestellte und nur diese haben z.B. Recht auf Streikgeld.
    Die Beiträge sind im Referendariat verführerisch, steigen aber später rapide an. Ein Berufsanfänger liegt z.B. in der GEW bei ca. 30 Euro im Monat und steigt nur durch das Dienstalter auf 35 Euro. Bei einer Beförderungen sind schnell 40 Euro fällig.
    Es gibt Verbände, die den Unterricht nach der Methode „Lernt euch was“ propagieren, so dass vielen Abiturienten nicht klar ist, dass aus 40 Euro monatlich in 40 Dienstjahren bei moderaten 4 % Zinsen abzüglich banküblicher Gebühren fast 50 T Euro werden.
    Es gehört schon sehr viel Mildtätigkeit dazu, 50 T Euro für eine Mitgliedschaft auszugeben, von der man persönlich praktisch nichts hat.
    Wer nur die Hälfte davon für notleidende Menschen oder Tiere spendet und die andere Hälfte für sich behält verdient sicher große Anerkennung.
    Keine normale Lehrkraft braucht eine Schlüsselversicherung. Im Verlustfall hat das pädagogische Fußvolk sowieso nur Klassenraumschlüssel und evtl. einen Außentürschlüssel. Nur dieses Schloss würde ersetzt. Das kostet keine 150 Euro. Programmierbare Schlüssel werden einfach deaktiviert. Nur wer über Zentralschlüssel für mehrere Außenzugänge und mehrere Verwaltungsräume verfügt, braucht sich hier Sorgen zu machen.
    Jede Privathaftpflichtversicherung bietet für einen sehr geringen Zusatzbeitrag, meistens unter 10 Euro im Jahr(!), den Einschluss einer Diensthaftpflichtversicherung incl. Schlüsselversicherung – wer es möchte.
    Der Dienstherr wehrt unberechtigte Ansprüche gegen Lehrkräfte grundsätzlich ab. Nur bei Vorsatz muss eine Lehrkraft zahlen und mir ist kein derartiger Fall bekannt – was nicht heißt, dass es das nicht gibt. Vorsatz wäre, wenn ein Sportlehrer eine Auffangmatte bewusst weglässt, weil er sie für unnötig hält und dann ein Kind aufgefordert wird 5m hoch eine Kletterwand zu besteigen und dabei abstürzt.
    Für die Besoldung hält sich der Nutzen der Verbände in engen Grenzen. Das Grundgesetz legt mit dem Alimentationsprinzip die Grundsätzte der Beamtenbesoldung. Konkretere Merkmale sind durch Verfassungsgerichtsentscheide jüngst umfassend geklärt worden. Hat der Verband einer mickrigen Lohnerhöhung zugestimmt, gibt es sowieso keinen individuellen Rechtsschutz in der Sache mehr.
    Lohnend ist im Prinzip lediglich der Anspruch auf Streikgeld und ggf. der Berufsrechtschutz. Lehrerstreiks sind wegen der hohen Beamtendichte aber extrem selten, weil damit kein Druck aufgebaut werden kann. Streikgeld ist das Argument für den „Müllmann“. Dort wird schon eher mal gestreikt und das für mehrere Wochen. Bei der Besoldung gibt es manchmal Differenzen bei der Ersteinstufung von Lehrkräften oder bei Beförderungen. Man sollte sich aber klar darüber sein, dass selbst mehrere Gerichtsprozesse im Arbeitsrecht nicht besonders teuer sind – auch wenn man auf ganzer Linie verliert. Entsprechend billig ist ja auch der Einschluss des Berufsrechtsschutzes in eine private Rechtsschutzversicherung. Das sind nur geringe Eurobeträge pro Monat im niedrigen einstelligen Bereich.
    Oben wurde die Arbeit der Personalräte als Argument genannt. Die Personalräte zahlt das Land. Sie bekommen darüber hinaus eine erhebliche Freistellung vom Unterricht bei voller Besoldung. Sie vertreten die Interessen aller Lehrkräfte – unabhängig von einer Verbandszugehörigkeit. Wer gerne Personalrat werden möchte, der sollte im Verband sein. Hier wird der Speck verteilt, aber an diesen Speck kommt die Masse der Mitglieder nicht dran.
    Fazit: Finanziell ist es sehr kostspielig (s.o.). Der persönliche Nutzen ist minimal, es sei denn, man wird Funktionär oder Personalrat über den Verband. Die Versicherungsleistungen bekommt man privat für viel kleineres Geld. Zum großen Teil ist der Beitrag eine politische Spende.

    • Danke für den interessanten und zum Nachdenken anregenden Beitrag. In der Tat überlege ich nun nach fast 4 Jahren auch auszutreten. Die Beiträge sind immens hoch und ich habe bisher noch keine Situation miterlebt, in der ich oder ein Kollege die Versicherungen wirklich gebraucht hätten. Schlüsselverluste ließen sich z.B. stets unkompliziert über die Schulleitung klären, genau wie rechtliche Unsicherheiten. Vielleicht haben wir aber nur Glück mit der Schulleitung. Ich finde deine Sicht als erfahrenen Lehrer sehr lehrreich. Danke!

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